Macht Musik intelligenter?

Fragen und Diskussionen zur Theorie der Musikpädagogik und -didaktik an Hochschule und Universität

Moderator: Daniela Neuhaus

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S.Türk
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Macht Musik intelligenter?

Beitrag von S.Türk » 14. Dez 2005 14:38

Liebe Forummitglieder,

Bei uns in der Schule kam die Frage auf, ob das tägliche Musikhören oder Musikmachen intelligenter macht bzw. didaktische Vorteile auch beim Lernen anderer Fächer hat. Gibt es dazu belegte Studien? Und wenn, wie wirkt sich Musik dann aus? Es gab doch auch mal so eine Sache mit dem Mozart-Effekt. Weiß jemand, was daraus geworden ist?

Gruß,
Stefan

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Dirk Bechtel
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Beitrag von Dirk Bechtel » 16. Dez 2005 13:43

Hallo,

eine kleinen Überblick über Studien zu Transfereffekten gibt es in dem Material, das Hubertus Schmalor im Forum „Klassenmusizieren“ vorgestellt hat (ich glaube, im ersten Kapitel):
viewtopic.php?t=419

Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass solche Transfer-Effekte zwar nett sind, aber nicht die eigentliche Legitimation fuer Musikunterricht darstellen sollten :-)

Viele Grüße,
--Dirk
Zuletzt geändert von Dirk Bechtel am 14. Apr 2006 12:01, insgesamt 1-mal geändert.

Binimaja2000
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Beitrag von Binimaja2000 » 10. Jan 2006 20:06

Hallo,
beim Aufräumen fand ich folgenden Artikel wieder :) :Singen stärkt das Immunsystem http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/697767 Hat zwar nur mittelbar etwas mit der Intelligenz zu tun - aber die Schlussfolgerung sollte dem Musiklehrer schon zu denken geben - gerade jetzt in der erkältungsreichen Zeit :wink: . Falls der Link so nicht funktioniert, einfach bei http://www.wissenschaft-online.de den Suchbegriff "Singen" eingeben, dann taucht er in der Liste mit auf.
Sabine

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confuoco
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Antwort zu Intelligenz Thema

Beitrag von confuoco » 13. Apr 2006 16:44

Hallo ihr da draußen,
dank meines Studiums (Musikpädagogik Magister) habe ich mich mit dem Thema öfters beschäftigt, da von meinem Prof geliebt :)
Vor allem Hans-Günther Bastian mit seiner Berliner Grundschulstudie hat da vor ein paar Jahren Aufsehen erregt, da Musikklassen auch in anderen Fächern als Musik genauso gute oder bessere Noten als Vergleichsklassen mit weniger Musik und mehr "Normalunterricht" hatten (so ungefähr...)
Seitdem wird das Argumt dass Musik klüger macht in allen erdenklichen Variation bei allen erdenklichen Anlässen verwendet, besonders gerne bei Kulturwirtschaft, Politik u.ä. Mich nervt das inzwischen. Aber es ist laut Gehirnforschung erwiesen, dass der Balken (die Verbindung zwischen den Hirnhälften) bei Musikern besser ausgeprägt ist, außerdem entstehen bei Musikern, die als kleine Kinder angefangen haben zu musizieren, mehr Synapsen im Gehirn. Bücher und andere Erscheinungen gibt es dazu massig, evtl. sogar in der örtlichen öffentlichen Bibliothek.
lg confuoco

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Dirk Bechtel
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Macht Mozart schlau?

Beitrag von Dirk Bechtel » 14. Apr 2006 12:00

Verantwortungsbewusste MusikpädagogInnen warnen schon lange davor, dass die fragwürdige Behauptung „Musik macht klug“ (die auch Bastian selbst nicht so aufgestellt hat) oder dass andere sekundäre Transfereffekte als Begründung für das Musizieren und das Fach Musik in der Schule herhalten müssen.

Dies kann man angesichts der gerade veröffentlichten Hinweise auf eine Studie von Ralph Schumacher (im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung!) nur bekräftigen, die solche Behauptungen als unseriös herausstellt; ein erster Hinweis auf die Ergebnisse, die zu erwarten waren:
„Musizieren für Schulerfolg wird überschätzt“


Wenn Musikmachen Transfereffekte bewirkt: schön. Aber eigentlich ist es wurscht – Musikunterricht kann und darf letztlich nur durch den Wert von Musik, Musikmachen, Ermöglichen der Teilhabe am Kulturleben unserer Gesellschaft,... für unsere SchülerInnen legitimiert werden. Und das sollte auch als Begründung genügen!
Zuletzt geändert von Dirk Bechtel am 16. Apr 2006 08:24, insgesamt 3-mal geändert.

Wehle
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Musik macht klug

Beitrag von Wehle » 14. Apr 2006 13:07

Der Legitimationsdruck auf den Musikunterricht ist das eigentliche Problem, nicht die Frage, um wieviel klüger Kinder durch Musik werden.
Für mich ist dabei die Frage interessant, warum eigentlich diese Diskussion nicht um den Kunstunterricht geführt wird, um nur einmal bei den "Musen" zu bleiben (beim Sport wissen's wir alle - zu wenig Bewegung und überhaupt die Volksgesundheit). Dabei sollte man folgende Teilfragen lösen: Wer übt diesen Druck warum, mit welchen Mitteln bzw. aus welcher Position und mit welchen Zielen aus? Pauschal lässt sich m.M.n. dazu sagen: Musikerziehung soll immer mehr privatisiert und damit selbst finanziert werden. Das schont die öffentlichen Kassen.

Markus Galla
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Beitrag von Markus Galla » 14. Apr 2006 14:08

Hallo,

da ich mich gerade ganz brandaktuell auch mit diesem Thema für meine Examensprüfung in Musikpsychologie beschäftigen musste, kann ich Dir das folgende Buch nur wärmstens empfehlen:

de la Motte/Rötter (Hrsg.): Musikpsychologie. Laaber. 2005.

Dort findest Du alle Infos zum Thema mit aktuellen Forschungsergebnissen, auch zum Mozarteffekt (den es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gibt).
Auch die Intelligenz-These ist so nicht haltbar und wird meines Erachtens momentan von Musiklehrern gerne zur Legitimation des Musikunterrichts missbraucht. Statt mit Fakten zu argumentieren, die nachweisbar und auch für Laien einsehbar sind, wird hier mit dem "Konstrukt" Intelligenz argumentiert, welches doch für die meisten Menschen ohnehin kaum fassbar ist. Niemand wird intelligenter werden, nur weil er Musikunterricht bekommt. Ich denke, Transfereffekte sind gut und schön und vor allem auch wünschenswert. Aber DEN Transfereffekt wird es nicht geben. Bisher konnten, soweit ich informiert bin, alle Ergebnisse von Studien, die einen Transfereffekt aufzeigten, durch Gegenstudien widerlegt werden. Zumindest was ihre Allgemeingültigkeit anbelangt. Aber das ist auch nicht weiter wichtig, solange der Einzelne aus der Musik oder aus dem Musikunterricht für sich einen Nutzen ziehen kann.

Ein Kind soll nicht Musikunterricht erhalten, weil es dadurch eventuell in anderen kognitiven Bereichen besser wird, sondern um ihm aufzuzeigen, dass es ein Kulturgut Musik gibt, welches sich lohnt, gepflegt zu werden und an welchem man selbst teilhaben kann - aktiv und passiv.

Wenn Politiker sich gerne kulturbewusst geben und mitsamt Gattin von Fotografen beim Besuch eines Konzerts oder einer Oper ablichten lassen, im selben Moment aber Mittel an anderen Stellen zusammenstreichen und somit verhindern, dass der Nachwuchs ebenfalls etwas von dieser Kultur vermittelt bekommt, sollte das zum Nachdenken anregen. Hier werden auch keine herbeigewünschten Transfereffekte helfen, die Wichtigkeit des Musikunterrichts (in Schulen sowie privat) in das Bewusstsein dieser Leute zu hämmern. Kultur möchte jeder (ach wie haben doch alle Ruhrgebietler für unsere neue Kulturhauptstadt Essen gekämpft!), nur kosten darf sie nichts und anderen "wichtigeren" Dingen nicht im Wege stehen.....

Viele Grüße,

Markus

Christof Schardt
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Re: Macht Musik intelligenter?

Beitrag von Christof Schardt » 15. Apr 2006 20:49

Zu diesem Thema aktuell hörens- und lesenswert:

"Macht Mozart schlau?"
Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik
Von Ralph Schumacher

Als Audio anhörbar sowie Manuskript herunterladbar auf:
http://www.swr.de/swr2/sendungen/wissen ... index.html

Er entzaubert die mit unsauberen Methodiken gewonnenen "Resultate".
Dabei bezieht er sich aber auf das rein kognitive, so daß für den eigentlichen Sinn der Musikerziehung keine abwertenden Schlußfolgerungen gezogen werden können. Man darf sich halt als Musikpädagoge nicht ins Bockshorn jagen lassen indem man den Sinn der Sache auf die Transfereffekte beschränkt. Musik hat ihren ureigensten Wert und prägt den Menschen viel mehr als nur kognitiv.


Gruß
Christof

eks
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Beitrag von eks » 15. Apr 2006 23:06

Dirk Bechtel erwähnt oben eine Studie. Unter "lehrer-online"liest man:

... Allerdings seien die Studien (Spychiger, Bastian, etc, ...) anfechtbar, weil bestimmte Randbedingungen nicht bedacht wurden:

- dass zum Beispiel Kinder, die Musikunterricht erhalten, ohnehin aus eher bildungsnahen Familien kommen.
- Zudem wurden häufig die Leistungen von musizierenden Schülern mit denen von Kindern verglichen, die keinerlei zusätzlichen Unterricht erhalten hatten.

"Ein methodischer Fehler", erklärt Schumacher (Projektleiter), "denn jeglicher zusätzlicher Schulunterricht wirkt sich positiv auf die Intelligenzentwicklung aus." Nicht unwahrscheinlich sei es, dass auch Theaterspielen oder zusätzliche Mathematikstunden dem Hirn genauso auf die Sprünge helfen.

Die Autoren dieser Zeilen sollten sich zum Beispiel die Schülerklientel der Berlin-Studie mal näher betrachten, dann werden sie schnell feststellen, dass die Probanden aus sozialen Brennpunkten usw... kommen. Des weiteren sollte mitbedacht werden, dass z. Bsp. in der Spychiger Studie die Schüler auf Hauptfachunterricht zu Gunsten von mehr Musikunterricht verzichtet haben. Es ist schlichweg falsch, zu behaupten, die "Musik-Schüler" hätten durch den verstärkten Musikunterricht mehr Bildungsmöglichkeit erhalten! Nein, andere Fächer wurden gekürzt und dafür Musik erteilt! Fazit: In diesen Studien fand kein zusätzlicher Unterricht statt, sondern anders verteilter Unterricht. Der methodische Fehler liegt dann wohl an anderer Stelle.

Im Übrigen ist es jedem Forscher freigestellt, nachzuweisen, dass "... auch Theaterspielen oder zusätzliche Mathematikstunden dem Hirn genauso auf die Sprünge helfen."

Ungeachtet dessen sei bemerkt, dass der Ausspruch "... Musik macht klug ..." ein mediales Ereignis und eine mediale Kreation ist.

Gabriele Puffer
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Re: Macht Musik intelligenter?

Beitrag von Gabriele Puffer » 21. Apr 2006 10:49

Wenn Musikmachen Transfereffekte bewirkt: schön. Aber eigentlich ist es wurscht - Musikunterricht kann und darf letztlich nur durch den Wert von Musik, Musikmachen, Ermöglichen der Teilhabe am Kulturleben unserer Gesellschaft,... für unsere SchülerInnen legitimiert werden. Und das sollte auch als Begründung genügen!
(Dirk Bechtel)
- Dem kann ich mich nur anschließen.

Ein lesenswerter Beitrag zum Thema "Neurobiologie und Musikpädagogik" findet sich auch unter http://home.arcor.de/zf/zfkm/05-hartogh.pdf
(Theo Hartogh: Hartogh, Theo: Vernetzt Mozart die Gehirnhälften? Über Sinn und Unsinn neurobiologischer Forschungsergebnisse in der Musikpädagogik)

Viele Grüße,
Gabriele

Elisa
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Wirkungen von Musik

Beitrag von Elisa » 23. Apr 2006 18:46

Ein umfassendes Buch zum Thema: "Musik im Kopf" von Manfred Spitzer. Untertitel: "Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk.
Meine Meinung zum Thema: Die Wirkungen, die Musik im Menschen vom embryonalen Status an hervorruft, sind atemberaubend und umfassend. Sie zum Intelligenz-Bringer zu instrumentalisieren zeugt von eingeschränkter Wahrnehmung und Weltsicht.
Seit Januar 2000 unterrichte ich Eltern und Babies in "Musikalischer Kommunikation".
Einige Beobachtungen: Ab 2 Wochen: Sie lauschen mit offenem Mund einem einzigen Klang, sind in diesem Moment ganz Ohr. Sie erkennen die Stimme ihrer Mutter.
Ab 5 Wochen: Sie erkennen ihren Namen, zeigen lebhafte Bewegung, wenn sie ihn hören.
Ab 3 Monaten:
Sie erkennen Rituallieder nach wenigen Wochen jeweils nach wenigen Tönen. (Scheint wichtig zu sein für das Kontinuitätsempfinden: "ich bin die, die das schon mal gehört hat und jetzt wieder erkennt".)
Sie zeigen freudige Erregung, wenn sich die Familie dem Unterrichtgebäude nähert.
Sie antworten auf ihre Weise im musikalischen Dialog: Sie "hängen an den Lippen" der Eltern, bewegen ihre Wirbelsäule wellenförmig, diese Wellen greifen auf Kopf und Extremitäten über, sie sind mimisch aktiv und produzieren Laute.
Zwischen Kindern und Eltern entsteht eine emotionale Dichte, die ergreifend und bewegend ist.
Vorsichtige Hypothese: Wenn Musik in angemessener Form im lebenswichtigen Dialog mit den Bezugspersonen des ersten Lebensjahres vernetzt wird, dann kann sie zur persönlichen Quelle werden für intensive Erlebnisse: Entspannung, Ekstase, Euphorie beim eigenen Musizieren oder Tanzen. Sie birgt Erinnerungen aus (hoffentlich) glücklicher Zeit, an die angeknüpft werden kann.
Mehr darüber: http://www.amadeusprojekt.de

Elisa
Amadeusprojekt (http://www.amadeusprojekt.de):
Musikalische Kommunikation mit Babies
CD "klang voller leben"

Markus Galla
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Beitrag von Markus Galla » 23. Apr 2006 18:50

Hallo,

habe ebenfalls das Buch von Manfred Spitzer und kann es nur empfehlen. Sehr verständlich geschrieben. Zusammen mit dem Rötter/de la Motte-Wälzer sicherlich eine gute Ausgangsbasis.

Viele Grüße,

Markus

SirTobi4

Beitrag von SirTobi4 » 29. Aug 2006 20:19

Die Sendung delta auf 3sat widmete eine ganze Ausgabe diesem Thema. Man kann die Sendung als mp3 legal herunterladen.

Es kann sein, dass die Links bald nicht mehr funktionieren, da die mp3s im Rahmen des podcast Programms von 3sat angeboten werden.

Es handelt sich um 3 Teile der Sendung. Manfred Spitzer ist ebenfalls als Studiogast anwesend.

Hier sind die Direktlinks:

Teil 1 - Macht des Gehirns

Teil 2 - Homo Musicus

Teil 3 - Die Zukunft der Musik

Gruß Tobi

plamedi
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Re: Macht Musik intelligenter?

Beitrag von plamedi » 7. Apr 2009 13:54

das Buch von Manfred Spitzer und kann es nur empfehlen
Habe auch dieses Buch gelesen undi finde es echt prima.
Also bin ich an eins sicher - Musik macht spass!

NinaD
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Re: Macht Musik intelligenter?

Beitrag von NinaD » 1. Sep 2015 17:30

Auch ich habe mich mit dieser Frage im Rahmen meines Studium schon viel beschäftigt.
Bei den Veröffentlichungen von Manfred Spitzer würde ich Vorsicht walten lassen: nicht alles ist so eindeutig wissenschaftlich orientiert, wie es bei ihm scheint. Stattdesen empfehle ich:
- Macht Musik schlau? von Lutz Jäncke (gut verstendlich und trotzdem durchweg wissenschaftlich fundiert)
- Macht Mozart schlau? vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (kann man kostenfrei bestellen! Ebenfalls verständlich und fundiert)
- Studien von E. Glenn Schellenberg (2003, 2006) - zeigen Korrelation zwischen IQ und Musikunterricht,
2004: eperimentelle Studie --> insgesamt nur geringe Effekte nachweisbar.
Insgesamt ist diese Frage noch nicht eindeutig geklärt, aber es sieht so aus, dass Musikunterricht nicht unmittelbar die Intelligenz (den IQ) steigert.

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