Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemik

Musikmachen im Klassenunterricht: mit Boomwhackers oder Keyboards, mit Steckbundmonochorden oder Latin-Percussion, Singen mit Playback oder ohne, …

Moderator: Schmalor

Antworten
Martin Stein
Beiträge: 1
Registriert: 14. Mai 2011 14:48

Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemik

Beitrag von Martin Stein »

Auspacken und dann?

In den Kindergärten und Grundschulen unserer drei Töchter fielen sie mir immer wieder mal auf, die bunten Röhren im schwarzen Netz. Auf Anfrage hieß es jedes Mal, dass die Dinger toll und lustig seien und dass man damit nicht nur Musik machen könne, sondern auch Murmelspiele, Balancierübungen und vieles mehr. Die Kinder seien begeistert.

Warum die Sets allerdings über Monate hinweg unverändert immer am gleichen Platz hingen, sagte mir niemand. Jetzt weiß ich es.

Das Glück wollte es, dass ich als Nicht-Lehrer gebeten wurde, an der Grundschule unserer Jüngsten eine Wochenstunde mit Musik, Basteln usw. zu übernehmen. Das Publikum: Erstklässler, und zwar jeweils eine halbe Klasse. Die andere Hälfte erhält in dieser Zeit Differenzierungsunterricht bei der Klassenleiterin.

Nachdem die ersten Bastel- und Werkprojekte absolviert waren, wollte ich endlich mal was mit Musik machen. Im Rahmen meiner Vorbereitungen inspizierte ich den Musiksaal. Traumhaft! Groß und hell, neu renoviert mit duftendem Linoleumboden, ein angenehmes, durchsetzungsfähiges Yamaha-Klavier mit knackigem Bass, Schränke voller Orff-Instrumente und – welche Überraschung – ein diatonisches Boomwhacker-Set, sogar mit chromatischem Erweiterungsset, beide verstaubt und im verschlossenen Netz in der Ecke lehnend. Aha!

OK, denke ich, das ist ein Zeichen! Ich probiere das aus. Um den Schulfundus nicht auszudünnen, kaufte ich mir privat zwei Sets zum Probieren: das „normale“ diatonische und die Erweiterung nach unten in den Bassbereich.

Überraschenderweise musste ich die Sachen im Internet bestellen, obwohl wir vier große und mehrere kleine Musikgeschäfte in der Stadt haben. Keiner hat Boomwhackers vorrätig! (Ein Zeichen?)

Neugieriges Auspacken. Einige Rohre sind ein bisschen deformiert oder haben kleine Knickstellen. Davon hatte ich allerdings schon auf der offiziellen Boomwhackers-Website gelesen. Man kann die betroffene Stelle in ein Handtuch einwickeln und mit fast kochendem Wasser übergießen, dann bilden sich die Dellen zurück (Memory-Effekt von Kunststoff).

Soundcheck: Die „kurzen“ Rohre (eingestrichene c-Lage) enttäuschen. Ich weiß zwar, dass die Rohre eine Handbreit vor dem Ende einen „sweet spot“, also eine Art „kitzlige Stelle“ besitzen, wie es auf der BW-Page so schön heißt, aber es ist schon ein kräftiger Schlag auf diese Stelle nötig, damit die Luftsäule im Rohr wirklich schwingt, also tonal klingt. Bei zu wenig Elan unterscheidet sich der Sound nicht von einem Stück Holz. Mit den anderen möglichen Schlagtechniken (Rohr-Ende auf den Boden schlagen, ganzes Rohr flach auf den Boden schlagen …) kommen zu viele Obertöne hinzu, und der tonale Anteil geht unter.
Das zweigestrichene c ist bereits so kurz und damit so volumenarm, dass der Ton auch bei kräftigstem Körpereinsatz nicht viel anders klingt, als würde man einen Joghurtbecher zerdrücken.

Für Kinder sind die kräftigen Schläge auf den Handballen oder den Oberschenkel nur kurz durchzuhalten. Nach wenigen Minuten geht das Gejammer los. Eine halbwegs praktikable Alternative ist es, die Kinder hinter ihren Stühlen zu platzieren und dann auf die Stuhllehne schlagen zu lassen, über die vorher zur Dämpfung die Jacken gehängt wurden. Geht allerdings nur mit Winterjacken.

Zurück zur Musik: In den Foren für LehrerInnen und ErzieherInnen liest man euphorische Berichte: „Jeder kann sofort mitmachen“, „jeder bringt einen Ton zustande“, „die bunten Boomwhackers gefallen den Kindern von Anfang an“, „ideal, wenn man selbst wenig Musikkenntnisse besitzt“, „auspacken und Spaß haben“, …

Alles Krampf. Diese Aussagen stimmen nur dann halbwegs, wenn man ein Bündel BWs in die Runde schmeißt und die Kinder machen lässt, ohne irgendwelche Ansprüche an Metrik, Rhythmus oder gar Melodie zu stellen.
Wenn geplant ist, zumindest auf minimalem Niveau musikalische Strukturen zu realisieren, der muss sich intensiv vorbereiten und schon ein gewisses musikalisches Handwerkszeug mitbringen.
Dazu gehören vor allem Harmonie- und Akkordlehre sowie eine gewisse Fähigkeit, Melodien oder Melodiefragmente zu komponieren. Außerdem muss man die Farben und damit die Tonhöhen der Boomwhackers reflexartig erkennen und unterscheiden können, sonst kann man keine Gruppe leiten.

Hier schließt sich auch gleich das Hauptproblem an: Was und wie spiele ich mit den BWs?
Die Frage scheint banal, denn schließlich hat jedes Rohr seinen eigenen Ton, und kindgerechte Melodien für C bis c" gibt es genug.
Aber: Obwohl BWs tonale Instrumente sind, sind sie vom Charakter her perkussiv, die klingende Tonlänge ist nicht beeinflussbar. Man kennt das vom Xylophon. Langsame Melodien, die man beispielsweise beim Einstieg in das Blockflötenspiel wählen würde, sind also nicht wiederzugeben.
Das führt zum „Wie“ des Spiels. Im Handel gibt es verschiedene Notenbücher und -heftchen mit Stücken, die speziell für Boomwhackers gesetzt sind. Ich wage nicht zu behaupten, jede dieser Veröffentlichungen zu kennen, aber die, die ich angesehen habe (und das waren Dutzende!), die sind hervorragend geeignet. Allerdings nicht für den beworbenen Unterrichtseinsatz, sondern für den Fall, dass der Eimer mit dem Bioabfall mal wieder feucht am Boden ist und man irgendein Papierzeugs zum Auslegen braucht.
Es beginnt damit, dass sich jeder Autor zunächst sein eigenes, natürlich revolutionäres und natürlich praxiserprobtes und natürlich farbiges Noten- und Symbolsystem ausgedacht hat. Diese Systeme zeichnen sich sämtlich dadurch aus, dass sie mindestens dreimal so kompliziert sind wie die bewährte 5-Linien-Notation und dass sie vom jeweiligen Erfinder selbst nicht immer ganz beherrscht werden. Hinzu kommt, dass die Farbtöne im Druck ganz massiv von den tatsächlichen Rohrfarben abweichen. Das gilt insbesondere für Rot, Orange und Gelb, die zu wenig differenziert erscheinen. Einer besonders klugen Autorin war das Problem bewusst, denn ihr Werk verzichtet auf Farbdruck. Stattdessen werden die Farbnamen in Textform wiedergegeben, und zwar als Buchstabenkürzel. G steht somit für den Ton G als auch für Gelb. Gelb ist aber das E. Ein Traum.

Zu Anfang des Materials wird gern das Klettern auf der Tonleiter geübt. Wie man das eben bei Klavier oder Flöte auch machen würde. Schon allein daran merkt man, dass diese Bücher im Reagenzglas entstanden sein müssen und niemals in der Praxis getestet wurden. Boomwhackers sind nämlich anders, ganz anders. Da jedes Kind, zumindest am Anfang, immer nur ein Rohr spielen kann, muss jede Art von Tonfolge von mehreren Gehirnen, Augen und Händen zusammengebaut werden. Wer schon einmal versucht hat, eine Gruppe von Erstklässlern „durchzählen“ zu lassen (Zahlen, Buchstaben oder Wörter sequenziell sagen lassen), der weiß, dass der Letzte in der Reihe nie dran kommen würde, würde man nach jedem Fehler neu beginnen. Bei BWs kommt noch das Denken in einer weiteren Ebene hinzu, nämlich in der Dimension der Melodie.
Während meiner Vorbereitung probierte ich „Alle meine Entchen“ mit 5 befreundeten, musikalisch zumindest grundgebildeten Erwachsenen. Wir brauchten ein Dutzend Durchläufe, bis das Ergebnis aus rhythmischer Sicht mit einem Vorschulkind auf seinem Kinderklavier konkurrieren konnte.
Das Melodiespiel ist also für den Einstiegsunterricht undenkbar.

Dann eben Rhythmus und Akkorde!
An dieser Stelle zeigt sich ein weiterer immanenter Mangel: Mit einem oder zwei Sets kommt man nicht weit. In manchen Foren wird zwar naiv behauptet: „Das diatonische Basis-Set mit 8 Rohren ist schon mal toll, weil man damit 8 Kinder bestücken kann.“, aber das ist Unsinn. Aufgrund der Harmonien, die im begrenzten verfügbaren Tonraum möglich sind, bleiben einige Töne (Kinder) zwangsweise unterbeschäftigt bzw. arbeitslos. Denkbar wäre es, die „Heiligen Drei aus dem C-Dur-Land“ mehrfach auszuteilen. Leider sind die Rohre nicht einzeln erhältlich, man bräuchte also viele Sets. Ein auf youtube sehr präsenter Pädagoge und Notenbuchautor, eine Art Guru der Boomwhacker-Szene, arbeitet genau nach diesem Prinzip. Man sieht unter anderem, wie er kistenweise C-F-G-Boomwhackers vor sich stehen hat und mit diesem Material eine ganze Turnhalle voller Grundschüler in das BW-Spiel einführt. Er hält jeweils die zu schlagenden Rohre hoch, parallel spielt er Cajon. Das Ergebnis kann sich hören lassen und ist motivierend. Allerdings ist das in diesem großen Maßstab keine große Kunst, weil der unvermeidliche Anteil von Schlafmützchen, Nasepoplern und Desinteressierten einfach in der Masse untergeht. Auf den Videos sehr schön zu sehen.
Im Klassenmaßstab käme man auf eine Investition im oberen dreistelligen Eurobereich, das ist nicht zu vertreten.
Weiterhin wird oft gesagt: Gegeneinander geschlagene Rohre machen Intervalle hörbar. Nun ja, das stimmt natürlich irgendwie, aber sie machen sie nicht unterscheidbar. Wer bei einem kurzen „Boumb“ eine Terz von einer Quint unterscheiden kann, der muss ein Wunderkind sein.


Fazit: Boomwhackers erinnern mich in gewisser Weise an die Bücher des Astrophysikers Stephen Hawking, die zwar regelmäßig in den Bestsellerlisten auftauchen, die aber kaum ein Mensch tatsächlich durchliest oder gar versteht.
Boomwhackers konnten sich durch Optik und Marketing gegenüber den angestaubt wirkenden Standardinstrumenten der Mu-Früherziehung bzw. der Orff-Kiste profilieren. Gerechtfertigt scheint mir das nicht.
Ich fühle mich in meinem Urteil bestärkt, wenn ich mir das Videomaterial auf youtube dazu ansehe. Klar, man findet begeisternde Performances von erwachsenen Virtuosen und auch die oben erwähnten „Massenveranstaltungen“, und zwar nicht nur für Kinder, sondern auch zur Mitarbeitermotivation usw.
Dann findet man ein paar Blödeleien, wie etwa die als Bauarbeiter verkleideten Männer, die sich gegenseitig die Tell-Ouvertüre auf die Helme hauen. Nun ja, das ist was für ein Vereinsfest.
Was aber fehlt, sind realisierte Stückchen mit jüngeren Kindern (nicht mit Oberstufenschülern oder Musik-Leistungskurslern). Das wird wohl seine Gründe haben.
Andreas von Hoff
Beiträge: 2
Registriert: 16. Mai 2011 09:39

Re: Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemi

Beitrag von Andreas von Hoff »

Hallo Herr Stein,

mit Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Ich biete Ihnen an - falls es zeitlich und räumlich möglich ist - an einem meiner Workshops teil zu nehmen.
Daten und Orte finden Sie hier: http://www.andreasvonhoff.de unter Termine.
Benutzeravatar
Dirk Bechtel
Administrator
Beiträge: 290
Registriert: 24. Mai 2003 08:15
Wohnort: Köln
Kontaktdaten:

Re: Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemi

Beitrag von Dirk Bechtel »

Ähem, wenn ein Experte antwortet, hofft man ja eigentlich auf eine konstruktive inhaltliche Rückmeldung. Wenn dann nur der Hinweis auf das eigene kostenpflichtige Workshopangebot erfolgt, ohne inhaltlich auf irgendetwas einzugehen, finde ich persönlich das ehrlich gesagt enttäuschend … nun ja.

Eigentlich wollte ich gar nicht auf den ursprünglichen Beitrag antworten, da ich insofern nicht "vom Fach" bin, als ich nicht in der Grundschule unterrichte, sondern "nur" mit älteren SchülerInnen (ab Klasse 5 aufwärts) arbeite.

Aber ich denke, einige Beobachtungen aus meinem eigenen Unterricht mit Boomwhackers sind durchaus übertragbar: Diese Instrumente erfordern wie jedes andere Instrument ihre eigenen didaktischen/methodischen Überlegungen, genau wie Martin Stein beschreibt. Jedes Instrument, von der Blockflöte über Orff-Instrumente und Keyboards bis eben hin zu Boomwhackers, bringt mit seinen eigenständigen Besonderheiten ganz eigene Möglichkeiten und auch Schwierigkeiten mit sich. Ganz sicher sind Boomwhackers nicht das Ei des Kolumbus für den perfekten Musikunterricht, der ganz alleine läuft, weil man angeblich mit ihnen ganz einfach und ohne viel (Übe-)Aufwand mit allen SchülerInnen die tollsten Musikstücke realisieren kann. Manches wird mit Keyboards oder vielleicht auch Orff-Instrumenten sogar viel besser umzusetzen sein, manches wird man sowieso viel besser singen, usw. Gerade die Tatsache, dass in der Regel jede/r aus einer Gruppe nur für ein oder zwei Töne "zuständig" ist, macht es schwieriger als bei anderen Instrumenten, zu einem gut klingenden und (im Zusammenspiel) gelingenden Musikstück zu kommen – weitere Schwierigkeiten sind oben bereits beschrieben.

Aber Vorteile haben die Instrumente aus meiner Sicht auch: Ein Vorteil liegt natürlich auf jeden Fall darin, dass die Tonerzeugung (anders als bei Blas- oder Streichinstrumenten) viel einfacher und tatsächlich mit minimalem Übeaufwand zu erzielen ist (damit meine ich nur die Tonerzeugung an sich, nicht das Zusammenspiel und das eigentliche Realisieren eines Musikstücks!). Einen weiteren Vorteil sehe ich persönlich darin, dass sich bei diesem Instrument die Tonerzeugung mit Bewegung, körperlichem Ausdruck und damit auch Inszenierung verbinden lässt.

Das vorweg, damit meine folgende Zustimmung zum Ausgangsbeitrag nicht falsch verstanden wird: Ich sehe also durchaus auch Vorteile für den Musikunterricht beim Einsatz dieser Instrumente und nutze sie selbst auch gerne ergänzend zu vielen anderen Instrumenten. Aber ich würde Martin Stein auch Recht geben, dass vieles (aus kommerziellem Interesse?) schöngeredet und vereinfachend falsch dargestellt wird: Die Behauptung, dass alle Kinder sofort mitmachen können, Spaß haben und nullkommanix tolle Musik machen, selbst wenn die Lehrperson selbst wenig Musikkenntnisse besitzt, ist eigentlich schon die beste Voraussetzung, dass alle enttäuscht sein werden (außer vielleicht dem Instrumentenhersteller und -handel …). Gerade wenn die Kinder keine musikalische Vorbildung haben, ist die Anforderung an die Lehrperson hinsichtlich ihrer (vor allem methodischen!) Musikkenntnisse, besser gesagt: hinsichtlich ihrer Leitungsfunktion grundsätzlich besonders hoch, egal mit welchem Instrument. Und – als Sek. I/II-Lehrer kann ich das nur als Vermutung äußern - solchen Musikunterricht in der Grundschule, ob mit Boomwhackers oder Orffinstrumente oder was auch immer, stelle ich mir mindestens so schwer vor wie in der Sek. I. Da helfen die "euphorischen Berichte", von denen oben die Rede ist, natürlich überhaupt nicht weiter, weil sie an der Realität vorbeigehen.

Aber eigentlich gibt's doch viel Berufenere hier in der Runde … Mischl? Sag doch mal was!

Viele Grüße
--Dirk Bechtel

P.S.: Einen Literaturtipp hätte ich noch, der – anders als viele andere Veröffentlichungen – insbesondere auch Anregungen zum kreativen Umgang mit den Rohren bietet und nicht nur Spielstücke (die natürlich auch ihre Berechtigung haben): Das Buch "Tolles Rohr. Kreative Boomwhacker-Spiele für Schule und Freizeit" von Michel Widmer und Stephan Uhr; Amazon-Link
Benutzeravatar
michael fromm
Moderator
Beiträge: 126
Registriert: 26. Mai 2003 07:01
Wohnort: Landau
Kontaktdaten:

Re: Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemi

Beitrag von michael fromm »

Ich wollte ursprünglich auch mal auf den Beitrag antworten, dann dachte ich allerdings, dass er so wie er ist (und ausdrücklich mit subjektiv überschrieben) schon sehr viele passende Dinge formuliert und in seiner Polemik nicht angestritten werden muss, denn:

Das ist ein schön geschriebener Bericht und der ergänzt dieses Forum hier in sehr sinnvoller (fast schon liebevoller) Art und Weise.

Und ich finde auch, dass der Andreas da ein wenig zu kurz antwortet, wird er doch fast schon (mehr oder weniger) direkt ... sagen wir mal ... hmm ... zitiert bzw. angesprochen ...

Natürlich können wir alle dem Martin Stein nette Bausteine zeigen, die wir befruchtend, begeistert und begeisternd im Unterricht einsetzen, von daher wäre es sinnvoll, wenn man das denn ergänzen bzw. diskutieren möchte, direkt auf die einzelnen Aspekte angehe.

Das mache ich mal mit dem Artikel vom Dirk:
Die Behauptung, dass alle Kinder sofort mitmachen können, Spaß haben und nullkommanix tolle Musik machen, selbst wenn die Lehrperson selbst wenig Musikkenntnisse besitzt, ist eigentlich schon die beste Voraussetzung, dass alle enttäuscht sein werden (außer vielleicht dem Instrumentenhersteller und -handel …).
Da setze ich mal mein "totally signed" drunter. Ich komme viel rum, sehe viele Grundschulen und sehe von daher regelmäßig den auch vom Martin beschriebenen Satz Boomwhackers, manchmal auch zwei, vielleicht auch mal drei (je nach dem welcher Etat am Ende vom Jahr auf den Kopf gehauen werden musste) und höre sehr oft den Satz: "Schön, dass Sie da sind, zeigen Sie uns doch mal, was damit geht ...!"

Und da haben wir's dann: Da kaufen die Leute dann reihenweise Literatur und trauen sich dennoch nicht, damit zu musizieren. Oder man spielt "Mbube" - allerdings in C-Dur (weil man ja kein f# oder bb hat), wurscht, dass es zu tief ist, Hauptsache man kann es begleiten. Oder alle döngeln nach Herzenslust drauf rum.

Mein Lieblingsbeispiel ist dann immer der Blues, wo jedes Kind eine Röhre bekommt und die mit der Dominanten dann buchstäblich in ihre reinschauen können, weil sie dann ein oder zweimal (je nach dem, ob man Halbe oder Viertel spielt) ihr "döng döng" machen. Leute, das ist ganz ganz großer Unsinn und hat mit Musikunterricht gar, aber auch überhaupt gar nix zu tun.

Überhaupt habe ich ein unglaublich mieses Gefühl, wenn ich sehe, dass Kinder etwa bei einem Turnaround (nehmen wir mal den I-vi-ii-V) eine Röhre bekommen und dann Pause-Pause-döngdöng-Pause spielen. Sorry, das ist noch nicht mal Elementarbereich - das ist Käse.
Gerade wenn die Kinder keine musikalische Vorbildung haben, ist die Anforderung an die Lehrperson hinsichtlich ihrer (vor allem methodischen!) Musikkenntnisse, besser gesagt: hinsichtlich ihrer Leitungsfunktion grundsätzlich besonders hoch, egal mit welchem Instrument.


Und da haben wir den nächsten Aspekt: Ich muss auch bei Boomwhackers Ahnung vom Musik, Musikunterricht und auch - und das aus meinem Munde - von Musiktheorie haben. Ich muss mein Arrangement auf vielerlei Dinge anpassen: Auf meine Lerngruppe, auf die Motorik, auf vorhandenes Equipment (und dann halt ggf. entweder ergänzen oder das Lied lassen) und aber auch - ganz wichtig - den Tonumfang im Auge und Ohr haben. D.h.: es geht einfach nicht, dass ich mir 100 Arrangements kaufe und die irgendwie mache.
Und – als Sek. I-Lehrer kann ich das nur als Vermutung äußern - solchen Musikunterricht in der Grundschule, ob mit Boomwhackers oder Orffinstrumente oder was auch immer, stelle ich mir mindestens so schwer vor wie in der Sek. I. Da helfen die "euphorischen Berichte", von denen oben die Rede ist, natürlich überhaupt nicht weiter, weil sie an der Realität vorbeigehen.
Aber natürlich! Das ist die selbe Küche, die gleichen Gewürze, latent andere Zubereitung. Ich setze die Röhren wirklich sehr häufig ein, weil sie, wie du schon schriebst, äußerst körperlich sind, weil man was in der Hand hat, weil man sich bewegt, weil man agiert und - bei vielen Kindern in der Primarstufe gar nicht so voraus setzbar: Weil man sich spürt!

Dennoch: Ich mache kaum eine Stunde zwei mal gleich, weil ich jedes Mal eine andere Gruppe habe! Wo ich mit einer Gruppe im dreistimmigen Bereich spiele, kann die Parallelklasse schon in der Einstimmigkeit überfordert sein. Wo die eine Gruppe Tempo braucht, braucht die andere Zeit zum üben, wo die eine schön in G singt, ist für die andere F schon eine Zumutung.

Boomwhackers reihen sich hervorragend in die Arbeit mit Rhythmussprache ein. Ein ta-titi-ta-ta wird auf den Röhren erlebbar. Bei Orff auch - selbstverständlich! Nur kosten die BWs im großen Stil gerade mal so viel wie ein schönes Altxylophon.

Den Literaturtipp von Dirk hätte ich auch gesetzt - das Buch (und auch Michel Widmer, den ich mal erleben durfte) ist das einzige (!) Buch, das ich empfehlen kann, weil es ganzheitlich aufgebaut ist. Ich entdecke immer wieder neue Sachen drin. Es kommt ohne bunt gefärbte Excel-Tabellen aus (die allerdings durchaus auch ihre Berechtigung haben können) und zeigt einfach, wie man das Instrument "integrieren" und es als "Medium" nutzen kann.

Nicht die Boomwhackers sind Stundeninhalt sondern das Stück! Von daher sollte der Ansatz - gerade im Primarbereich sein - Stück suchen, Zugänge schaffen und damit arbeiten. Und wenn mit Boomwhackers, dann mit Boomwhackers und wenn ohne, dann ohne. Auch nicht schlimm. Was wirklich gut mit Plastikröhren geht, geht auch gut mit Orff, mit Keyboards oder Stromzeugs - und natürlich umgekehrt.
neu - Musiklehrerblog:
www.musik-fromm.de
Andreas von Hoff
Beiträge: 2
Registriert: 16. Mai 2011 09:39

Re: Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemi

Beitrag von Andreas von Hoff »

Hallo Dirk,

nur zur Klarstellung: Ich habe Herrn Stein zu einem meiner Workshops eingeladen, falls Ort und Zeit passen. Dann kann ich sachlich und fachlich auf seine Bedenken und Einwände eingehen. Er hat mich nicht persönlich angesprochen, ist jedoch eingeladen dies zu tun. Deine Interpretation meiner Antwort gefällt mir nicht.

Grüsse
Andreas
Antworten